«Es ist nicht so, dass ich ein Autohasser bin»
STADT BERN / Im Kornhausforum ist ab heute die Ausstellung «Autofreies Wohnen in Europa»zu sehen, die der Berliner Architekt Markus Heller konzipiert hat. Heller engagiert sich seit Anfang 1998 in starkem Mass für die autofreie «Siedlung an der Panke» im Berliner Bezirk Mitte.
• INTERVIEW: RUEDI KUNZ
«BUND»: Herr Heller, sind Sie Autofahrer?
Markus Heller: Nein, ich habe nie eines besessen. Es ist aber nicht so, dass ich ein Autohasser bin.
Sie sagen, das Auto sei in einer Grossstadt wie Berlin das falsche Fortbewegungsmittel. Wieso?
Für viele Leute ist es das falsche Fortbewegungsmittel, weil Berlin ein sehr gutes Naherschliessungsnetz mit U-Bahn, S-Bahn und Bussen hat.
Wie muss man sich die autofreie «Siedlung an der Panke» vorstellen?
Wir bauen ein eigenes Stadtviertel mit kleinen Strassen. Unsere Zielgruppe sind Bewohner ohne eigenes Auto. Wir stellen nur ganz wenige Parkplätze für Besucher und Carsharing zur Verfügung. Pro zehn Haushalte soll es einen Abstellplatz geben. Wir bieten aber nicht nur Wohn- und Einkaufsmöglichkeiten an, sondern auch ausgedehnte Park- und Sportanlagen, einen Abenteuerspielplatz mit Elementen eines Kinderbauernhofs und andere Einrichtungen für Kinder.
Wie haben Sie es geschafft, den Berliner Investoren Ihr Projekt schmackhaft zu machen?
Mit Vermarktungsargumenten. 44,8 Prozent der Berliner Haushalte haben kein Auto.In der Stadtmitte, wo das Viertel an der Panke liegt, ist der Prozentsatz sogar noch höher. Ein Pluspunkt war auch unser unkonventionelles Projekt. Wir besetzen eine Nische in einem Markt, der extrem hart umkämpft ist; in Berlin gibt es zurzeit rund 100'000 leere Wohnungen. Bei einigen Investoren hat es dann Klick gemacht. Eingestiegen sind schliesslich zwei Baugenossenschaften sowie eine GmbH. Mit weiteren Investoren sind wir noch am Verhandeln.
Wann wird die grösste autofreie Siedlung Berlins Realität?
Es ist noch nicht sicher, ob das rein privat finanzierte Projekt überhaupt zustande kommt. Es gibt für «Panke» noch ein anderes Überbauungsprojekt, welches offenbar nicht umsetzbar ist. Im Moment läuft ein so genanntes Interessensbekundungsverfahren. Das Land Berlin fragt überall herum, wer in «Panke» bauen möchte. Danach muss sich der Senat entscheiden, ob er das liegen gebliebene Wohnbauprojekt weiterverfolgt oder auf unser Siedlungskonzept setzt.
In Bern setzt sich eine Interessengemeinschaft (IG) für ein autofreies Viererfeld ein. Wie beurteilen Sie deren Projekt?
Ich kenne es nur aus dem Internet. Ich finde es sehr interessant. Wenn wie in Bern fast 50 Prozent der Haushalte ohne Auto leben, sollten sich eigentlich locker Investoren finden lassen.
In Bern gibt es aber im Gegensatz zu Berlin kein grosses Überangebot an Wohnungen, und die Zahl der potenziellen Investoren für alternative Siedlungsformen dürfte verschwindend klein sein.
Dann ist es schwieriger. In diesem Fall sind umweltbewusste Politiker nötig - wie in Freiburg und Tübingen, wo sich die Regierung sehr intensiv um die Baugruppen kümmert.
Welchen Fehler sollte die IG Viererfeld nicht machen?
Das ist schwer zu sagen, da ich die Situation in Bern zu wenig kenne. Was sicher ist: Sie sollten sich nicht auf Kompromisse wie zum Beispiel eine autoarme Siedlung einlassen.
Sie halten wenig von autoarmen Siedlungen.
Ja. Mit sieben Parkplätzen auf zehn Haushalte ist niemandem gedient. Die Autofahrer ärgern sich, weil es zu wenig Stellplätze hat, die Leute ohne Auto fragen sich, warum sie dann überhaupt einziehen sollen, wenn doch überall Autos herumfahren.
Welches ist Ihre Vorbildsiedlung punkto autofreies Wohnen?
Das
Amsterdamer Modell finde ich städtebaulich nicht sehr toll, dafür
ist es mit seinen 600 Wohnungen sehr gross, und das autofreie Konzept funktioniert
unkompliziert. Bei Vauban (Freiburg im Breisgau) passt mir das Mischmodell
mit den Quartiergaragen nicht.
Autofreie Siedlungen
ruk/ae.
Im Kornhaus sind bis am 26. Januar übersichtlich gestaltete Illustrationen
von autofreien Siedlungen in Europa zu sehen. Die Ausstellung nach Bern
geholt hat die IG autofreies Viererfeld, welche seit letztem Frühling
für eine solche Siedlung zwischen Innerer und Äusserer Enge lobbyiert.
Auf
politischer Ebene sind die Meinungen zum autofreien Wohnen geteilt: Der
Gemeinderat steht dem Projekt positiv gegenüber, bei bürgerlichen
Vertretern überwiegt die Skepsis. In diesem Jahr will sich die IG
auf Investorensuche begeben und die Gründung einer Wohnbaugenossenschaft
prüfen. Auch in Ostermundigen könnte dereinst eine autofreie
Siedlung entstehen: Sofern das Ostermundiger Stimmvolk Ja sagt zur Einzonung
des Oberfelds, soll auf dem Areal auch autofreies Wohnen möglich sein.
Die Zonenvorschriften sehen einen Mindestanteil von 0,1 Parkplatz pro Wohnung
vor.
Architekt
Markus Heller. zvg
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