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Wohnen in der City ohne Verkehrslärm

Auf dem Gelände des ehemaligen Stadions der Weltjugend soll ein autofreies Stadtviertel mit 500 Wohnungen entstehen
 
Von Marie-Thérèse Nercessian

Mitte - Zentral und doch mitten im Grünen wohnen, ohne Verkehrsstress, Abgase und Angst um die Kinder auf der Straße. Die autofreie Stadt: ein 13 Hektar großes Stadtviertel mit 500 Wohnungen, Marktplatz, Geschäften, Cafés, Kita, Kieztreff und öffentlichem Park an der Panke. Vision oder demnächst Wirklichkeit? Die Bezirkverordneten-Versammlung hat sich am 13. Juli für ein autofreies Stadtviertel auf dem Gelände des ehemaligen Stadions der Weltjugend an der Chausseestraße ausgesprochen.

Zurzeit schwingen dort noch Golfspieler den Schläger, Beachvolleyballer liefern sich Matchs. Das Stadion wurde 1992 im Zusammenhang mit der Olympia-Bewerbung Berlins abgerissen. Eine geplante Mehrzweckhalle wurde nie gebaut. Das 131 600-Quadratmeter-Areal sei aufgrund seiner Lage, Größe und Verkehrsanbindung für autofreies Wohnen prädestiniert, so die Bezirksverordneten.

Den 1995 für das Gelände ausgelobten Wettbewerb gewann zwar Max Dudler mit seinem Entwurf eines gemischten Wohngebiets mit sozialer Infrastruktur. Der Entwurf fand jedoch weder bei Investoren noch beim Bezirk Anklang. Gleich fünf Investoren hat dagegen der Architekt Markus Heller für sein Konzept einer autofreien Stadt gefunden. «Ich war ziemlich überrascht, dass sich der Bezirk mit nur einer Gegenstimme für meinen Entwurf ausgesprochen hat», freut sich Heller. Der Investitionsbedarf betrage etwa 500 Millionen Mark. «Für die Wohnungen haben sich bereits 374 Interessenten auf eine Liste setzen lassen. Die meisten haben kein Auto oder wollen es abschaffen», sagt Heller. «In den nächsten Wochen werde ich das Konzept beim Senat vorstellen.»

Das Grundstück gehört dem Land Berlin und kommt nach Auskunft eines Sprechers der Senatsfinanzverwaltung in den zentralen Liegenschaftsfonds, über den es dann vermarktet wird. Gegen Ende dieses, Anfang nächsten Jahres sei mit einer Entscheidung zu rechnen. «Der Bezirk wird dem Senat die Wünsche der BVV unverzüglich mitteilen», sagt Baustadtrat Thomas Flierl (PDS). Der Liegenschaftsfonds aber kompliziere die Angelegenheit, meint der Baustadtrat in Bezug auf den baldigen Baubeginn.

Bereits Ende 1997 hatte der Berliner Fußgängerschutzverein «per pedes» in Zusammenarbeit mit dem «Bund Berlin» die Idee, ein autofreies Stadtviertel an diesem Standort zu planen und beauftragte den Architekten Markus Heller mit einem Konzept. Autos kommen darin nicht vor. In Tiefgaragen gibt es nur wenige Stellpätze für Car-Sharing, Gewerbe und Besucher. Parkplätze für Bewohner sind auch an der Peripherie des neuen Quartiers nicht geplant. Wer sich doch nicht ganz vom Auto trennen will, muss auf Parkplatzsuche im Umfeld gehen. Ein «Mobilitätsservice» organisiert Lieferungen, Fahrradverleih- und Reparaturservice, Car-Sharing, Cash-Car und den Müll-Transport zu Sammelstellen.

Auch eine Schulsporthalle, ein «Generationenhaus», eine Kita, ein Jugendzentrum und ein Abenteuerspielplatz sind geplant. Entlang der Chausseestraße soll sich Einzelhandel ansiedeln. «Verschiedene Supermärkte haben sich schon beworben», so Heller. «Die Gegend ist mit Einkaufsmöglichkeiten unterversorgt. Wenn alles gut geht, können wir in zwei oder drei Jahren anfangen zu bauen und in vier bis fünf Jahren fertig sein», sagt Heller, der sein Stadtviertel auch als Zeichen für das Zusammenwachsen der Stadt sieht: «Die Wohnungs-Interessenten kommen je zur Hälfte aus Ost und West.»


Berliner Morgenpost, vom: 20.07.2000